Meinung

Was hat es mit einem Normen- und Wertewandel auf sich?

Normen und Moralvorstellungen bestimmen (fast) alle Entscheidungen unseres Lebens. Wäre jetzt in der breiten Bevölkerung die direkte und indirekte Nutzung von fossilen Brennstoffen als moralisch verwerflich eingestuft, dann könnte eine Schwelle erreicht werden (auch als sozialer Kipppunkt bezeichnet)[i], welche das Handeln von Politiker*innen, Unternehmen usw. auch mit beeinflusst. Denn wir Menschen sind immer an soziale Netze gebunden. Auch das Konsumverhalten orientiert sich häufig an Werten der Gruppe. Beispielsweise konnte eine Studie zeigen, dass die Akzeptanz und Nutzung von Photovoltaik-Anlagen von der Meinung des Umfelds und der Nachbarn stark abhängig sind.[ii]

Als Gesellschaft oder als Gruppe profitieren wir zwar von bestimmten Maßnahmen, jedoch ist für alleinigen Anstrengungen und Verhaltensänderungen (auch bei Unternehmen) die Hürde zu hoch. Ist aber mehrheitlich ein Handlungswunsch erkennbar, können über Phänomene der sozialen Erwünschtheit oder Gruppenkonformität Veränderungen entstehen. Mit etwas Wissen über Gruppendynamiken und Normen kann man also zu einer Lösung der Klimakrise beitragen.

Es gibt einige Beispiele, die das Potential eines Normenwandels als Sozialen Kipppunkt zur langfristigen Transformation veranschaulichen: Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela stehen als Schlüsselfiguren für Werte, wie den gewaltfreien Protest, Zivilcourage und Toleranz.  Durch ihr Wirken entstanden Bewegungen, welche die historischen Ereignisse der Befreiung von Kolonialmächten in Indien oder der Aufhebung der Rassentrennung in Amerika ermöglichten. Sie waren natürlich nicht ganz alleine, sondern hatten Gruppen mit Wertevorstellungen hinter sich. Heutzutage selbstverständliche Gesetze (z.B. gegen Diskriminierung) entstanden damals nur durch einen großen Paradigmenwandel. Man sieht hier also auch, wie politischen Rahmenbedingungen und Gesetze auf Grundlage der gesellschaftlichen Normen entstehen und dass wir zur Sicherung unserer Zukunft in unserem Rahmen zu Gestalter*innen eines Wandels werden müssen.

Bildung spielt eine wichtige Rolle in der Sozialisation, Werteausbildung und Selbstfindung von jungen Menschen. Es ist also wichtig, dass jede*r Basiswissen über globale Zusammenhänge, über Verhältnisse zwischen heutigen und zukünftigen Gesellschaften und über die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit erlernt, aber auch, dass sich junge Menschen partizipativ und gemeinwohlorientiert einbringen können.[iii]

Und um bei uns an der Uni anzufangen: Wir setzen uns für einen Wandel hin zu sozial-altruistischen Werthaltungen ein, anstatt von rein egoorientierten Werten, bei denen jeder nur auf seine Noten/Abschlüsse und sein eigenes Wohl schaut. Über Veränderungen in der Hochschullehre und über weitere Sensibilisierungsaktionen (von uns organisierte Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Petitionen usw.) wollen wir unseren Beitrag leisten.


[i] Otto, Ilona M., Jonathan F. Donges, Roger Cremades, Avit Bhowmik, Richard J. Hewitt, Wolfgang Lucht, Johan Rockström, et al. “Social Tipping Dynamics for Stabilizing Earth’s Climate by 2050.” In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 117, no. 5, 2020.

[ii] Rogers, Everett M. Diffusion of Innovations, Fifth Edition. Social Networks. New York: Free Press, 2003.

[iii] Frey, Dieter (Hg.). Psychologie der Werte. Berlin: Springer, 2016.