Meinung

Was ich tue, bringt doch eh nichts…

Wieso es nicht reicht, allein politische Maßnahmen zu fordern

„Das muss erstmal die Politik regeln“ oder „Es bringt doch eh nichts, wenn ich mich alleine einsetze“ sind Sätze, die erst mal nach Stammtischparolen klingen, doch irgendwo auch eine kleine Wahrheit oder tief sitzende Überforderung ausdrücken. Wir von der GHG sind natürlich der Meinung, dass jede und jeder etwas bewirken kann und das zeigen wir euch in diesem Statement.

Denn wir wollen uns aktiv einbringen und dazu beitragen, dass die Universitäten ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung nachkommen und mit ihrer Forschung und Wissenschaft einen Teil dazu beitragen, dass Lösungsansätze für die Probleme des 21. Jahrhunderts gefunden werden.

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Das Handeln jedes*jeder Einzelnen zählt!

Viele Lösungsstrategien zur Bewältigung der aktuellen Probleme oder der Klimakrise zielen auf politische Rahmenbedingungen ab, weil es so wirkt, als hätten diese einen größeren Wirkungsradius als individuelle Bewusstseinsänderungen oder eigenes bewusstes Handeln (z.B. Konsumverzicht)… Das bemühte Verhalten von Einzelnen wirkt manchmal wie im Kampf gegen Windmühlen und kann irrelevant wirken im Vergleich zur Mehrheit, die ihren Beitrag zum Umweltschutz nicht leistet.[1] Doch dieser Fehlschluss ist problematisch, weil es zu Ausreden oder Handlungsunfähigkeit führen kann und damit zu einer Verschärfung der Krise, weil sich keiner mehr für Klimaschutzbemühungen verantwortlich fühlt.

Damit Politiker*innen handeln, braucht es erst mal viele Individuen, die dafür einstehen, bevor etwas passieren kann.

Wir legitimieren also erst die Politiker*innen zu deren Handeln – direkt über Wahlen und indirekt im Alltag, indem wir durch Konsum, Meinungen, Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit usw. Einfluss nehmen!

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Wieso es trotzdem politische Maßnahmen braucht…

Natürlich muss es auch politische und gesetzliche Steuerungsmaßnahmen geben (wie beispielsweise gesetzliche Verbote oder Anreizsysteme), um alle gesellschaftlichen Akteur*innen in die Verantwortung zu ziehen und einer Überforderung der Einzelnen entgegenzuwirken.

Solche Maßnahmen werden als unterschiedlich starke Einschränkung der Freiheit empfunden. Das Spektrum der politischen Maßnahmen ist groß und reicht von freiwilligen Angeboten, wie zum Beispiel der Subventionierung klimafreundlicher Energien oder Verhaltensweisen, bis hin zu Verboten, wie beispielsweise der Benutzung von Fortbewegungsmitteln mit Verbrennungsmotoren in Innenstädten.[2]

Es stellt sich natürlich die Frage, ob der Staat befugt ist, dadurch in die Eigenständigkeit der Bevölkerung einzugreifen. Eine Berechtigung lässt sich im liberalen Grundgedanken des Systems finden. Dieser lautet, dass die Freiheit der*des Einen die Grenzen in der Freiheit der*des Anderen findet.

Da sich die negativen Folgen des Klimawandels langfristig auf alle – insbesondere auch auf die zukünftigen Generationen – auswirken werden, muss auf jeden Fall auch durch politische strukturelle Maßnahmen einiges passieren.

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Ihr seid gefragt!

Das Problem ist, dass man erst auf der individuellen Ebene einen Bewusstseinswandel braucht, damit sich politisch etwas ändern kann. In unserer repräsentativen Demokratie hängt der Handlungsspielraum der Politiker*innen von den Mehrheiten in der Bevölkerung ab. Die Tatsache, dass sich die Folgen des Klimawandels für alle deutlich schwerwiegender auswirken werden, als momentane Maßnahmen, die möglicherweise als Einschränkung empfunden werden, ist für die meisten Menschen, die sich nicht so häufig damit befassen, schwer zu begreifen.

Gründe, wie Nichtlinearität, Multikausalität und die Verschiebung der Krise (Probleme werden jetzt verursacht, aber treten erst in der Zukunft ein), sorgen dafür, dass es für viele zu abstrakt ist, um da wirklich durchzublicken. Man sucht eher nach einfacher Aufklärung in Sozialen Medien und Internet.[3] Dort findet man allerdings keine systematische, differenziert-wissenschaftliche Problemdarlegung, sondern einzelne meinungsstarke und häufig emotionale Stimmen und Standpunkte. Das sorgt leider für eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Aufklärung statt Populismus

So können leider populistische und polarisierende Phänomene entstehen: Man bietet scheinbar einfache Lösungen an und spricht die Leute emotional an. All dies wirkt sich auf Meinungen der Masse aus. Politiker*innen fürchten Imageverluste, wenn sie langfristige Schritte zur Zukunftssicherung wagen, die sich möglicherweise erst lange nach ihrer Amtszeit positiv auswirken.

Gegen populistische Argumente hilft Bildung und Aufklärung.

Genau dies ist aber an der Universität Regensburg in Themen der Nachhaltigkeit unbedingt ausbaufähig! Die Lehre beinhaltet aktuell fast keine nachhaltigkeitsbezogenen Themen, obwohl doch jede*r von uns – egal in welchem Job – mit den Folgen des derzeitig fehllaufenden business as usual konfrontiert sein wird.

Als Beispiel für das business as usual sei noch die seit über 60 Jahren diskutierte Frage nach einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf unseren Autobahnen erwähnt… Es gibt weltweit nur sehr wenige andere Länder, die noch kein Tempolimit haben. Wieso ausgerechnet noch nicht in Deutschland? Forderungen der Automobilindustrie und die emotionalen persönlichen Argumente der Freiheitseinschränkung überwiegen die stichhaltigen Gründe von mehr Verkehrssicherheit für die Bevölkerung sowie die für den Umweltschutz wichtige Reduktion der Schadstoffemissionen.[4] Es zeigt sich wieder: Der Fokus liegt nicht auf den Tatsachen an sich, sondern auf Meinungen. Emotionen und Bewertung spielen eine große Rolle bei der mehrheitlichen Bevölkerung, wie die moderne Handlungs- und Affektpsychologie belegen kann.[5] Die Instrumentalisierung der Ängste vor einer häufig als Ökodiktatur bezeichneten Umweltpolitik erschwert also eine Umsetzung sinnvoller Maßnahmen.

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Viele Klimaschutzbemühungen können eben nicht kurzfristig gedacht werden, sondern benötigen für eine sinnvolle Umsetzung Zeit, die nur mit einem Konsens in der Bevölkerung gewährt werden kann. Diese Problematik konnten wir 2018 in Frankreich beobachten, als man zur Finanzierung der Energiewende die erhöhte Besteuerung von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen, wie zum Beispiel Diesel, beschloss. Daraufhin entstand die Gelbwestenbewegung und mit ihr die Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung bei umweltpolitischen Maßnahmen mit finanz- oder steuerpolitischer Auswirkung.[6] Außerdem folgten mit den Protesten der Gelbwestenbewegung auch internationale Konsequenzen: Das Thema Energiewende und Klimaschutz war in der öffentlichen Wahrnehmung erst mal tot. Denn auch die Politiker*innen anderer Länder befürchteten öffentliche Imageverluste, falls sie ähnliche Reformen beschließen sollten.

Zusammengefasst: Lasst euch nicht unterkriegen von Überforderung oder Hoffnungslosigkeit, denn gemeinsam ist ein Bewusstseinswandel möglich, der zum Beispiel in der Lehre der Universitäten weiterverbreitet werden kann.

Werde du also zur*zum Impulsgeber*in und stoße mit deinem Beitrag/Engagement eine größere Veränderung an. Nur wenn sich Mehrheiten gebildet haben, die in dieser komplexen Thematik aufgeklärt sind und die stetig politische Aktivität einfordern, dann befähigen wir die Politiker*innen auch zu ihren Maßnahmen.


Literatur könnt ihr nachschauen unter:

[1] Roser und Seidel. Ethik des Klimawandels. Darmstadt: WBG, 2013.

[2] Ebd.

[3] Bentele, Günter. “Öffentlichkeit, Akzeptanz und Transparenz.” In Politik mit Bürgern – Politik für Bürger, Hrsg. von Manuela Glaab, S. 75-89. Wiesbaden: Springer, 2016.

[4] Lange, Martin. “Klimaschutz durch Tempolimit,” http://www.umweltbundesamt.de/publikationen. (Zugegriffen am 02.03.2020)

[5] Korczak, Dieter (Hg.) Die Emotionale Seite Der Nachhaltigkeit. Kröning: Assanger Verlag, 2011.

[6] Fourquet and Manternach, “Die » Gelbwesten « Ein Zeichen der gesellschaftlichen Spaltung Frankreichs.” In: WAO World Affairs Online, 2019.

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